Volker Beck, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG)
Volker Beck ist seit 2022 Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG). Foto: Erik Marquardt

Volker Beck: „Die DIG muss jünger und weiblicher werden“

Die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) feierte am Dienstag ihr 60-jähriges Bestehen. Präsident Volker Beck spricht im Interview über die Zukunft der Organisation, die Freundschaft zu Israel und die Frage, ob er noch einmal für sein Amt kandidieren will

Das Interview führte Joshua Schultheis

Die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) wurde 1966 gegründet, nur ein Jahr, nachdem die beiden Länder offizielle diplomatische Beziehungen aufgenommen hatten. 60 Jahre später hat die DIG mehr als 10.000 Mitglieder und ist die wichtigste zivilgesellschaftliche Organisation für den deutsch-israelischen Austausch. Ihr Jubiläum beging die DIG am Dienstag im Roten Rathaus, dem Sitz des Regierenden Bürgermeisters von Berlin.

Maßgeblich zur Bekanntheit der DIG beigetragen hat Volker Beck, seit 2022 ihr Präsident. Der ehemalige Grünen-Bundestagsabgeordnete ist insbesondere seit dem Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 ein in Fernsehen und Radio gefragter Erklärer und Verteidiger des jüdischen Staates. Das hat ihn für viele zu einer Reizfigur gemacht. Beck war nicht nur Ziel vieler Anfeindungen, sondern auch eines vereitelten Attentats, das vom Iran beauftragt worden ist.

Im Interview mit The Bilateral Briefing erzählt Beck, wie ihn das Amt verändert hat, was er sich für die DIG in den kommenden Jahren wünscht und warum er die israelische Regierung auch immer wieder kritisiert. Ob er Mitte November auf der DIG-Hauptversammlung in Nürnberg noch einmal als Präsident kandidieren will, lässt er offen. „Ich wäre froh“, verrät Beck jedoch, „wenn ich jemanden finde, an den ich den Staffelstab mit gutem Gewissen weitergeben kann.“

The Bilateral Briefing: Herr Beck, wie würden Sie den Zustand der DIG 60 Jahre nach ihrer Gründung beschreiben?
Volker Beck: Wir sind so breit und tief in der Gesellschaft verwurzelt wie noch nie zuvor in unserer Geschichte. Es gibt 60 lokale DIG-Arbeitsgemeinschaften im ganzen Land und wir haben dieses Jahr die Schallmauer von 10.000 Mitgliedern durchbrochen. Als ich vor über vier Jahren DIG-Präsident wurde, waren es noch etwas um die 6.000. Dieser Zuwachs ist Ausdruck davon, dass viele Menschen nach dem 7. Oktober 2023 und dem, was dann in Deutschland passierte, mit einer DIG-Mitgliedschaft zum Ausdruck bringen wollten, dass sie an der Seite Israels stehen und sich gegen jeden Antisemitismus wenden.

Während die DIG gewachsen ist, hat Israel bei den Deutschen insgesamt an Sympathie verloren. Wie erklären Sie sich diese gegensätzlichen Trends?
Israel ist ein Thema, über das in Deutschland seit dem 7. Oktober noch kontroverser diskutiert wird als zuvor schon. Diejenigen, die nicht mit der antizionistischen Stimmung einverstanden sind, waren umso stärker motiviert, der DIG beizutreten, die als Gegenstimme zu diesem Populismus wahrgenommen wird.

Die Jubiläumsfeier der DIG fand im Roten Rathaus in Berlin statt und die erste Reihe der deutschen Politik sandte ihre Glückwünsche. Bundeskanzler Friedrich Merz grüßte per Videobotschaft und Bundestagspräsidentin Julia Klöckner erklärte, selbst vor einer Weile der DIG beigetreten zu sein. Das klingt, als würde die DIG in der Politik offene Türen einrennen. Ist das so?
Nein, ganz so ist es nicht. In unserem Grundanliegen gibt es sicher mit den demokratischen Parteien eine große Übereinstimmung. Im Detail hatten wir aber durchaus auch unsere Differenzen mit dem jetzigen Bundeskanzler, etwa als er im August 2025 ein vorübergehendes Waffenembargo gegen Israel verhängte. Das habe ich zwar als außenpolitisches, genauer europapolitisch motiviertes Manöver des Kanzlers verstanden, die Entscheidung fand ich aber grundfalsch und unsolidarisch gegenüber Israel. Man verweigert keine Ersatzteile für Waffen, die man selber mal geliefert hat, wenn der Vertragspartner angegriffen wird.

Werden Sie und die DIG in Berlin als Querulanten wahrgenommen?
Ich würde sagen, wir stehen stärker im Fokus, weil in den vergangenen Jahren durch die Kriege im Nahen Osten immer wieder jemand gebraucht wurde, der die israelische Politik und das israelische Vorgehen in der Öffentlichkeit erläutert. Wir sind da schon erheblich unter Druck. Fast alle Diskussionsrunden im Radio oder Fernsehen waren eher drei zu eins als pari pari besetzt. Immer wieder wird versucht, einen zum Advokaten der jetzigen israelischen Regierungskoalition zu machen, bloß weil man Israels Existenz und Selbstverteidigungsrecht argumentiert. Da kam ich mir auch manchmal ein bisschen komisch vor, weil ich nie ein Parteigänger des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu war und mir seine aktuellen Koalitionspartner erst recht nie geheuer waren. 

Haben Sie sich auch mal dabei unwohl gefühlt, in diese Rolle gedrängt zu werden?
„Wohlsein“ ist in diesem Zusammenhang eine unpassende Kategorie. Jeder Mensch mit Herz fühlt sich unwohl mit diesen Kriegen und mit dem, was in Gaza und im Libanon los ist. Das sind keine Debatten, die man mit Freude führt. Aber ich war immer mit mir im Reinen. Ich muss auch nichts vertreten, was ich nicht vertreten kann. Und es gibt Dinge, die ich auch offen kritisiere: etwa die Justizreform, die die Netanjahu-Regierung bereits vor dem 7. Oktober angestrebt hat und die den israelischen Rechtsstaat untergraben würde. Auch die Ausweitung der israelischen Siedlungen und die zunehmende Gewalt im Westjordanland hat die DIG immer wieder klar kritisiert. Hier muss der israelische Rechtsstaat sein Gewaltmonopol energischer durchsetzen.

Was bedeutet es für Sie, in diesen Zeiten ein Freund Israels zu sein?
Es bedeutet, Israels Existenz und Sicherheit zu unterstützen und ein Freund derjenigen Israelis zu sein, denen man sich nahe fühlt. Es bedeutet auch, Kritik zu üben, wenn etwas in der israelischen Politik falsch läuft. Die DIG mischt sich traditionell nicht in israelische Innenpolitik ein. Aber da, wo es um die Identität Israels als demokratischer und jüdischer Staat geht, äußern wir uns, wenn es etwas zu kritisieren gibt. 

Sie sind seit vier Jahren im Amt und waren Ziel vieler Anfeindungen und sogar eines Anschlagsplans des iranischen Regimes. Wie hat Sie das verändert?
Ich bin ein bisschen härter geworden. Wenn man so angegriffen wird, hat man nur zwei Möglichkeiten: zurückweichen oder standhalten. Und wenn man standhält, muss man sich emotional noch stärker zusammenreißen. Der sehr konkrete Mordplan gegen mich war aber eine neue Qualität. Ich selbst bin gut im Verdrängen, aber mein Mann leidet sehr darunter. Und ich mache mich in der Kommunikation nicht gern zum Opfer, deshalb rede ich ungern über die konkreten Folgen für mich in der Öffentlichkeit. Mit der Verhaftung des Hauptverdächtigen und seines Komplizen, die laut Gericht im Auftrag des iranischen Regimes spioniert haben, ist etwas mehr Ruhe eingetreten. Gut, dass sie jetzt zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt wurden, so sind sie eine Weile aus dem Verkehr gezogen. Entspannt bin ich trotzdem nicht. Der Iran hat zwei Werkzeuge verloren, nicht seine Absichten.

Die DIG wählt auf ihrer Hauptversammlung Mitte November ihr Präsidium neu. Wollen Sie noch einmal als Präsident antreten?
Ich wäre froh, wenn ich jemanden finde, an den ich den Staffelstab mit gutem Gewissen weitergeben kann – nicht wegen der Bedrohungssituation, sondern weil ich einfach älter geworden bin. Ich bin schließlich noch beim Tikvah Institut tätig, und je älter man wird, umso mehr sollte man Aufgaben abgeben und sich fokussieren. 

Wie sollte sich die DIG – mit oder ohne Sie an der Spitze – in den kommenden Jahren weiterentwickeln?
Die DIG muss jünger und weiblicher werden. Wir haben einen deutlichen Überhang von Männern meiner Generation und älter. Die will ich alle halten, aber ich wünsche mir, dass mehr Mitglieder mit anderen soziodemografischen Merkmalen hinzukommen. Und vor allem auch, dass sie in Verantwortung kommen, im Präsidium wie vor Ort. Außerdem müssen wir die Fachkompetenz, die wir in der Organisation haben, besser nutzen. Dafür braucht es neue Formate, um in der DIG aktiv sein zu können. Um die junge Generation zu erreichen, müssen wir zudem in den sozialen Medien noch präsenter werden. Es braucht eine neue Ansprache: Während für meine Generation der Verweis auf die historische Verantwortung Deutschlands für Israel oft Motivation genug war, sich in der DIG zu engagieren, liegt der Nationalsozialismus für junge Menschen weit zurück. Daher gilt es, Israel stärker mit Zukunftsthemen wie Vielfalt und technischer Innovation in Verbindung zu bringen. Das sind einige der Aufgaben, vor denen die DIG in den kommenden 60 Jahren steht.

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